CBAM und Stahlindustrie: Kosten und Strategien
> Schnellantwort: Der CBAM belastet Stahlimporte direkt: Bei einem Zertifikatspreis von 75,36 EUR/t CO₂ (EU Q1 2026) fallen 2026 noch rund 3,15 EUR/t an (Phasenfaktor 2,5 %) — bis 2034 steigen die Kosten auf bis zu 154 EUR/t fuer emissionsintensiven indischen Stahl. Grundformel: Importmenge × Emissionsintensitaet (t CO₂/t) × Zertifikatspreis × Phasenfaktor minus anrechenbarer CO₂-Preis im Herkunftsland.
Stahl und CBAM: Die am staerksten betroffene Branche
Kein Sektor spuert den CBAM so direkt wie die Stahlindustrie. Die EU importiert jaehrlich rund 30 Millionen Tonnen Stahl aus Drittlaendern — ein erheblicher Anteil davon aus Laendern ohne nennenswerten CO2-Preis. Der CBAM veraendert die Kostenstruktur dieser Importe grundlegend.Fuer deutsche Stahlhaendler und -verarbeiter ist das keine abstrakte Regulierung. Es geht um konkrete Eurobetraege pro Tonne, um Margen und um die Frage, ob bestimmte Importquellen kuenftig noch wirtschaftlich tragfaehig sind.
Woher kommt der EU-Stahlimport?
| Lieferland | EU-Importanteil | CO2-Intensitaet | CO2-Preis im Land | CBAM-Effekt |
|---|---|---|---|---|
| Tuerkei | ca. 15% | 1,5-2,0 t CO2/t | Kein System | Hoch |
| China | ca. 8% | 1,8-2,2 t CO2/t | ca. 10 EUR/t | Sehr hoch |
| Indien | ca. 7% | 2,0-2,5 t CO2/t | Kein Preis | Sehr hoch |
| Suedkorea | ca. 6% | 1,3-1,6 t CO2/t | ca. 18 EUR/t | Mittel |
| UK | ca. 5% | 1,2-1,5 t CO2/t | ca. 45 EUR/t | Gering |
Kostenbeispiele pro Tonne
Nehmen wir den offiziellen CBAM-Zertifikatspreis Q1 2026 von 75,36 EUR/t CO₂ (EU-Durchfuehrungsverordnung 2025/2621): Importstahl aus der Tuerkei (1,8 t CO2/t Stahl, kein CO2-Preis):- CBAM-Kosten 2026 (2,5%): 3,39 EUR/t
- CBAM-Kosten 2030 (48,5%): 65,8 EUR/t
- CBAM-Kosten 2034 (100%): 135,6 EUR/t
- CBAM-Kosten 2034: 165,8 EUR/t
Strategien fuer Stahlimporteure
Lieferanten-Diversifikation nach CO2-Kriterien
Ein tuerkisches Stahlwerk mit Elektrolichtbogenofen und hohem Schrottanteil hat deutlich niedrigere Emissionen als eines mit Hochofentechnologie. Die Lieferantendaten werden zum entscheidenden Beschaffungskriterium.Wer bisher rein nach Preis eingekauft hat, muss umdenken. Der Total Cost of Ownership umfasst kuenftig auch die CBAM-Kosten. Ein scheinbar guenstiger Lieferant mit hohen Emissionen kann am Ende teurer sein als ein saubererer Anbieter.
Europaeische Beschaffung staerken
Europaeischer Stahl unterliegt dem ETS, nicht dem CBAM. Wenn die CBAM-Kosten steigen, wird EU-Stahl relativ guenstiger. Diese Verlagerung ist politisch beabsichtigt und wird sich ab 2029 spuerbar auswirken.Vertragliche CBAM-Klauseln
In Liefervertraegen sollten CBAM-Kosten als separate Position oder Anpassungsklausel aufgenommen werden. Ohne eine solche Klausel traegt der Kaeufer das volle Risiko steigender CO2-Preise.Gruener Stahl als langfristige Loesung
SSAB in Schweden liefert bereits fossilfreien Stahl aus Wasserstoffreduktion. ArcelorMittal plant vergleichbare Anlagen. Unter dem CBAM ist gruener Stahl automatisch guenstiger als konventioneller Importstahl aus kohlebasierten Quellen.Auswirkungen auf vor- und nachgelagerte Branchen
Die Stahlpreiserhoehungen durch den CBAM wirken sich auf die gesamte Wertschoepfungskette aus:- Automobilindustrie: 55% Stahlanteil pro Fahrzeug
- Maschinenbau: 60-80% Stahlanteil pro Maschine
- Bauwirtschaft: Bewehrungsstahl und Stahlkonstruktionen
Recycling-Stahl als CBAM-Vorteil
Sekundaerstahl aus Elektrolichtbogenoefen hat nur einen Bruchteil der Emissionen von Primaerstahl: typischerweise 0,3 bis 0,5 Tonnen CO2 gegenueber 1,5 bis 2,5 Tonnen. Unter dem CBAM ist importierter Schrott-Stahl damit deutlich guenstiger als Primaerstahl.Europa hat bereits einen hohen Recyclinganteil in der Stahlproduktion. Der CBAM verstaerkt diesen Trend, weil er emissionsarme Quellen bevorzugt — unabhaengig davon, ob sie europaeisch oder importiert sind.
Fazit
Die Stahlindustrie steht vor einer grundlegenden Transformation. Der CBAM beschleunigt den Wandel hin zu saubererem Stahl und kuerzeren Lieferketten. Die Grundlagen des CBAM-Mechanismus und welche Waren betroffen sind, erklaert unser CBAM-Leitfaden.Haeufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie stark steigen die Stahlimportkosten durch den CBAM?
Bei voller Anwendung ab 2034 koennen die CBAM-Kosten 135 bis 165 Euro pro Tonne Stahl betragen — je nach Herkunftsland und Emissionsintensitaet. Das entspricht einem Aufschlag von 17 bis 33% auf den Stahlpreis. 2026 sind es wegen des Phasenfaktors von 2,5% erst rund 3,39 EUR/t fuer tuerkischen Stahl (Basis: 75,36 EUR/t CO₂, EU-DVO 2025/2621).
Welche Laender sind am staerksten betroffen?
Indien und China haben die hoechsten Emissionsintensitaeten und keinen nennenswerten CO2-Preis. Stahl aus diesen Laendern wird am staerksten verteuert. Suedkorea und UK haben eigene CO2-Preise, die angerechnet werden.
Lohnt sich der Wechsel zu europaeischem Stahl?
Zunehmend ja. Europaeischer Stahl unterliegt dem ETS, nicht dem CBAM. Mit steigenden CBAM-Kosten wird die Preisdifferenz kleiner. Ab 2030 kann europaeischer Stahl in vielen Faellen guenstiger sein als importierter.
Wie wird die Emissionsintensitaet eines Stahlimports fuer CBAM berechnet?
Massgeblich sind die eingebetteten Emissionen in Tonnen CO₂-Aequivalent pro Tonne Stahl. Importeure koennen verifizierte Anlagendaten des Lieferanten nutzen (tatsaechliche Werte, typischerweise 1,5–2,5 t CO₂/t fuer Primaerstahl) oder EU-Standardwerte aus dem CBAM-Register verwenden. Tatsaechliche Werte sind oft guenstiger, erfordern aber eine akkreditierte Pruefstelle.
Kann ein Stahllieferant seine CBAM-Kosten senken?
Ja: Niedrigere Emissionen (z. B. Elektrolichtbogenofen mit hohem Schrottanteil statt Hochofen) reduzieren die CBAM-Abgabe direkt. Zusaetzlich kann ein anerkannter CO2-Preis im Herkunftsland angerechnet werden. Ohne Anrechnung traegt der Importeur die volle Last — was den Druck auf Lieferanten in Laendern ohne CO2-Bepreisung erhoehen wird.
Wie veraendert CBAM die Einkaufsstrategie fuer Stahlimporteure?
Einkaufsabteilungen muessen CBAM als festen Bestandteil der Gesamtkosten einkalkulieren. Herkunftsland, Emissionsintensitaet und anrechenbarer CO2-Preis bestimmen den Aufschlag. Ein saubererer Lieferant mit hoeheren Basispreisen kann nach CBAM deutlich guenstiger sein als ein emissionsintensiver Niedrigpreisanbieter. Langfristige Vertraege sollten eine CBAM-Anpassungsklausel enthalten.
Welche CBAM-Vorteile bietet Recycling-Stahl (Elektrostahl)?
Recycling-Stahl aus Elektrolichtbogenoefen emittiert typischerweise nur 0,3–0,5 t CO₂/t — gegenueberber 1,5–2,5 t CO₂/t bei konventionellem Primaerstahl. Die CBAM-Kosten fallen dadurch vier- bis achtmal niedriger aus. Importierter Elektrostahl aus emissionsarmen Quellen (z. B. Schrottpresswerke mit gruener Energie) wird damit gegenueber Hochofenstahl strukturell bevorzugt.