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Grundlagen

CBAM und EU-ETS: Wie haengen sie zusammen?

Veroeffentlicht: 2026-03-27 Lesezeit: 4 Min.
CBAM und EU-ETS: Wie haengen sie zusammen?

CBAM und EU-ETS: Zwei Seiten derselben Medaille

Wer den CBAM verstehen will, muss zuerst das EU-Emissionshandelssystem begreifen. Die beiden Instrumente sind untrennbar miteinander verknuepft — der CBAM existiert nur, weil das ETS allein nicht ausreicht.

Seit 2005 muessen europaeische Industrieunternehmen fuer ihre CO2-Emissionen Zertifikate im EU-ETS kaufen. Ein Stahlwerk in Duisburg, eine Zementfabrik in Bayern, eine Aluminiumhuette in Frankreich — sie alle tragen einen CO2-Preis. Das macht ihre Produktion teurer als die von Konkurrenten ausserhalb der EU, die keinen solchen Preis zahlen.

Das Carbon-Leakage-Problem

Jahrelang hat die EU dieses Ungleichgewicht mit kostenlosen Zertifikaten abgefedert. Branchen mit hohem Risiko der Produktionsverlagerung — sogenanntem Carbon Leakage — bekamen einen Grossteil ihrer benoetigten Zertifikate gratis. Das hat funktioniert, hatte aber einen Haken: Kostenlose Zertifikate schwaechten den Anreiz zur Emissionsreduktion.

Die EU stand vor einem Dilemma. Entweder den CO2-Preis durch Gratiszuteilungen verwassern oder die heimische Industrie dem internationalen Wettbewerb schutzlos aussetzen. Der CBAM loest dieses Dilemma elegant — zumindest in der Theorie.

Wie CBAM und ETS zusammenspielen

Der Mechanismus ist durchdacht: Waehrend die kostenlosen ETS-Zertifikate schrittweise abgebaut werden, steigt der CBAM-Schutz proportional an. Das funktioniert nach einem festen Zeitplan:
JahrKostenlose ETS-ZertifikateCBAM-Abdeckung
202697,5%2,5%
202795%5%
202890%10%
202977,5%22,5%
203051,5%48,5%
203139%61%
203226,5%73,5%
203314%86%
20340%100%
Diese Tabelle ist entscheidend fuer jede Kostenplanung. In den ersten Jahren ist der finanzielle Effekt des CBAM noch ueberschaubar, weil die Gratiszuteilung den Grossteil abdeckt. Ab 2029 wird es aber ernst — dann muessen Importeure fuer fast ein Viertel der eingebetteten Emissionen Zertifikate kaufen.

Der CBAM-Zertifikatspreis folgt dem ETS-Preis

Ein oft uebersehenes Detail: Der Preis eines CBAM-Zertifikats ist kein eigener, unabhaengiger Preis. Er wird direkt aus dem EU-ETS-Preis abgeleitet. Konkret berechnet die EU-Kommission jede Woche den Durchschnittspreis der ETS-Auktionen und setzt diesen als CBAM-Zertifikatspreis fest.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Wenn der ETS-Preis steigt — und die Tendenz zeigt klar nach oben — steigen auch die CBAM-Kosten. Bei einem ETS-Preis von 70 Euro pro Tonne CO2 und einem Stahlimport mit 1,8 Tonnen eingebetteten Emissionen pro Tonne Stahl waeren das 126 Euro CBAM-Kosten pro Tonne — allerdings erst bei voller Anwendung ab 2034.

Was passiert mit den ETS-Erloesen?

Die Einnahmen aus dem EU-ETS fliessen groesstenteils in die nationalen Haushalte der Mitgliedstaaten, die sie fuer Klimaschutzmassnahmen verwenden sollen. Die CBAM-Einnahmen hingegen gehen direkt in den EU-Haushalt. Das ist politisch brisant — denn es bedeutet eine Verschiebung von nationalen zu EU-Einnahmen.

Die Europaeische Kommission schaetzt die CBAM-Einnahmen auf 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro jaehrlich bei voller Anwendung. Diese Mittel sollen unter anderem fuer die Unterstuetzung von Entwicklungslaendern bei der Dekarbonisierung verwendet werden.

Auswirkungen auf europaeische Produzenten

Fuer europaeische Hersteller aendert der CBAM die Spielregeln grundlegend. Bisher hatten sie durch die Gratiszuteilung einen teilweisen Schutz vor dem CO2-Preis. Dieser Schutz faellt weg. Dafuer sind ihre auslaendischen Konkurrenten kuenftig mit einem gleichwertigen CO2-Preis belastet.

Das klingt nach einem fairen Tausch, aber die Realitaet ist differenzierter. Europaeische Produzenten, die exportieren, verlieren ihren Kostenvorteil durch Gratiszuteilungen — ohne dass ihre Exporte vom CBAM profitieren. Das ist der Grund, warum die Industrie so vehement einen CBAM-Exportrabatt fordert.

ETS-Reform und CBAM: Das Gesamtbild

Der CBAM ist Teil der groesseren ETS-Reform im Rahmen des Fit-for-55-Pakets. Diese Reform umfasst auch: All diese Elemente greifen ineinander. Wer nur den CBAM isoliert betrachtet, verpasst das grosse Bild: Europa baut das weltweit ambitionierteste Klimaschutzsystem auf, und der CBAM ist ein zentraler Baustein darin.

Praktische Implikationen

Fuer Unternehmen ergeben sich klare Handlungsempfehlungen. Wer CBAM-pflichtige Waren importiert, sollte die Wechselwirkung mit dem ETS in seiner Planung beruecksichtigen. Die Kosten werden bis 2034 kontinuierlich steigen, nicht sprunghaft. Das gibt Zeit zur Anpassung — aber nur, wenn man jetzt beginnt.

Lieferanten in Drittlaendern, die nachweislich emissionsarm produzieren, werden zum strategischen Vorteil. Und Unternehmen, die auf gruenen Stahl oder emissionsarmes Aluminium setzen, profitieren doppelt: niedrigere CBAM-Kosten und ein starkes Nachhaltigkeitsprofil.

Haeufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie haengen CBAM und EU-ETS zusammen?

Der CBAM ist das Gegenstueck zum EU-ETS fuer Importe. Waehrend EU-Produzenten ETS-Zertifikate kaufen muessen, zahlen Importeure kuenftig CBAM-Zertifikate. Der CBAM-Preis wird direkt aus dem ETS-Preis abgeleitet.

Wann werden die kostenlosen ETS-Zertifikate abgeschafft?

Der Abbau erfolgt schrittweise von 2026 bis 2034. Ab 2026 werden 2,5% weniger kostenlose Zertifikate vergeben, mit jaehrlicher Steigerung bis zum vollstaendigen Abbau 2034.

Profitieren europaeische Hersteller vom CBAM?

Teilweise. Der CBAM schuetzt sie vor billigeren Importen ohne CO2-Preis. Allerdings verlieren sie gleichzeitig die kostenlosen ETS-Zertifikate, und ihre Exporte profitieren nicht vom Grenzausgleich.